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Gedenkstätte Mutter Heimat ( Foto: Gawrilow/rUFO )
Gedenkstätte Mutter Heimat ( Foto: Gawrilow/rUFO )
Mittwoch, 13.03.2002

Stalins Liebchen

Von Andrea Strunk (Wolgograd). Auf dem Schild steht Wolgograd. Am Bahnhof steht Wolgograd. Die Autokennzeichen bedeuten Wolgograd, das größte Hotel der Stadt heißt „Hotel Wolgograd“. Aber es ist Stalingrad. In den Köpfen der Menschen und in der Erinnerung, in jedem Quadratmeter des Bodens, auf jedem Friedhof der Stadt. In der Vergangenheit der Veteranen, selbst in der Zukunft der Kinder. Es sind nicht die Häuser, die Straßen, die Plätze. Es ist der Name.

Jener, der dem deutschen Faschismus das Grab schaufelte. Der noch immer für den Triumph des Mutes über das Böse steht. Stalingrad, die Schlacht, der Sieg, das Vaterland, die Heimat, die Tapferkeit - es ist alles eins. Wir weichen nicht, hatte Hitler, hatte Stalin gesagt. „Hinter der Wolga gibt es kein Land“, haben die Befehlshaber gesagt. Dann sind 200.000 Menschen gestorben. Zerschossen, zerfetzt, zermalmt, zertreten auf den Schlachtfeldern. Nicht nur Soldaten. Auch Zivilisten. Frauen und Kinder. Erfroren, verhungert, geschändet. Für Russland, für Stalin, für die Stadt. Die heißt nun Wolgograd. Soll denn alles umsonst gewesen sein?

Stalingrad: Mit ihren weißen Häusern, langen breiten Straßen, galt die Stadt als Musterwohnort der Sowjetunion. Entlang des Wolgaufers wuchsen in üppigen Gärten Weintrauben, Melonen, Tomaten, standen Oleander und Walnussbäume. Am Sonntag, dem 23. August 1942, verwandelte sich alles unter dem Beschuss von 1200 Junkers-88 und Heinkel-111-Bombern sowie eines Stuka-Geschwaders in einen brennenden Alptraum. Unter dem Kommando ihres Generals Wolfram von Richthofen flog die Luftflotte 1660 Angriffe und warf 1000 Tonnen Bomben ab. 40 000 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, wurden davon getötet. Als sich die Feuer nach Tagen gelegt hatten, war Stalingrad nur noch eine Ansammlung apokalyptischer Ruinen.
Stalingrad
Stalingrad
Wolgograd: Graue Häuserblocks am Westufer. Schön ist die Stadt keinesfalls. Selbst, wenn man ihr zugute hält, dass sie nach der Totalzerstörung in Windeseile wieder aufgebaut wurde. Aus dreckigen Schloten steigen bräunliche Dämpfe, auch die Traktorenfabrik, die Zechenanlage, die Chemiegiganten sind braun. Rost läuft an den Außenwänden herab. Der Bahnhof ist hübsch, die Parks sind es und auch die lindengesäumten Alleen. Es gibt Cartier und Yves Rocher, Davidoff, Boss und Vertretungen aller anderen Namen der internationalen Mode- und Schönheitsbranche.

Im Herzen der Stadt begegnet man eleganten Frauen, die klappern mit hohen Stillettos stakkatoschnell über die breiten Straßen und zerren dickbäuchige Hunde mit Schleifen im Haar hinter sich her. Männer tragen dicke Goldringe an den Fingern, halten Handys ans Ohr, steigen in teure Autos.

Wolgograd ist groß, aber nicht aufgeregt. Über 70 Kilometer Länge zieht sich die Stadt wie ein amerikanischer Kaugummi am Ufer des Flusses entlang und ist dabei nicht breiter, als ein Mensch in einer Stunde wandern kann. Selbst im Zentrum ist es still. So still, dass man den Regen von den Dachrinnen tropfen und das Rascheln des Laubs unter seinen Füßen hört. Die Wolga ist bei Wolgograd schon müde. Durch viele Staustufen flussaufwärts in ihrem Lauf gebremst, sieht Matjuschka, das Mütterchen, wie eine trübe Suppe aus. Noch vierhundert Kilometer bis zum Kaspischen Meer. Lustlos, als treibe nur alte Gewohnheit sie dazu, lecken die Wellen am einbetonierten Ufer, plätschern nicht, murmeln wehleidig vor sich hin.
J. Stalin
J. Stalin
Seit die Industrie des großen Sowjetreichs im Niedergang begriffen ist und daher weniger Abwässer eingeleitet werden, hat sich wenigstens die Qualität des Wassers gebessert. Im Delta kann man sogar baden, doch in Wolgograd, sagen die Wolgograder, wäre es immer noch besser, den Fluss nur zu betrachten. Als die deutschen Truppen die Wolga erreichten, wähnten sie sich schon fast am Ziel. Doch die Einnahme von Stalingrad zog sich hin. Das brutale Vorgehen der Faschisten hatten den Widerstand der Stadtbevölkerung und der Roten Armee eher gestärkt, die russische Propaganda tat ihr übriges: „Tötet den Deutschen, so lautet das Gebet Eurer Mutter. Tötet den Deutschen, so lautet der Schrei Eurer russischen Erde. Wankt nicht. Lasst nicht nach. Tötet“, verlangte ein Appell in der Zeitschrift „Roter Stern“. Als sich im September das Wetter verschlechterte und täglich Regen fiel, verloren die Deutschen an Boden.

Nina Salina hat eine Zuckerwattenhaarfrisur und Hände wie ein Schlachter. Blondiert, toupiert, das Kostüm sitzt zu eng, Die Nylonstrümpfe sehen aus wie aus Zeiten, in denen sie noch Perlonstrümpfe hießen, nur die Schuhe sind modern und laufen vorne spitz zu. Was Nina sagt, das hat Gewicht. Zum einen ist sie Vorsitzende der Kommunistischen Partei Russlands in Wolgograd, und zum anderen redet und blickt sie, als habe Widerspruch keinen Zweck.

Es ist die Festigkeit einer Liebenden. Nina Salina liebt den Georgier Josef Dschugaschwili, den man später Stalin nannte und nach dem die Stadt benannt wurde. Sie liebt ihn, weil er das Land zum Sieg führte. Sie liebt ihn, weil man mit seinem Namen noch immer auf Wählerstimmenfang gehen kann. Zumindest unter den Veteranen. Zumindest in Wolgograd. Stalin. „Ein großer Mann.” Natürlich weiß Nina, dass Ausländer Stalin für einen Teufel halten, und vielleicht hat sie deshalb die kleine Stalinstatue in ihrem Büro hinter der Blumenvase versteckt, in der künstliche Tulpen unter grauem Staub ersticken. Auch der Schreibtisch trägt ein Staubkleid, im Bücherschrank stehen Nippesfiguren und bunte Ölbildchen.

Unter diesen Bildchen sitzt Nina, sagt, Wolgograd müsse wieder Stalingrad heißen, und blickt ihrem Gegenüber dabei so fest ins Auge, wie die Soldaten von Stalingrad auf den Bildern mit Schlachtdarstellungen. Im Jahre 2003, zum 60. Jahrestag der großen Schlacht auf dem Mamajewhügel, die den Russlandfeldzug der Nazis schmählich beendete, sagt Nina, solle es soweit sein. Und dann sagt sie noch: „Wenn Wolgograd wieder Stalingrad heißt, wird die historische Gerechtigkeit hergestellt“ und „Die Zukunft jedes Volkes liegt in seiner Vergangenheit“.
Gedenkstätte Mutter Heimat ( Foto: Gawrilow/rUFO )
Gedenkstätte Mutter Heimat ( Foto: Gawrilow/rUFO )
Das neue Russland ist Hip-Hop und Schaschlik unterm Bierzelt. Am Wolgaufer trifft sich abends die Jugend. Tanzt, trinkt, isst, telefoniert per Handy. Das Bier ist ein wenig wässrig, die Musik zu schrill, die Röcke zu kurz, die Ausschnitte zu tief. Lange vor Mitternacht ist Schluss mit lustig. An der Bar im Hotel Wolgograd, in dem der Portier eine Operettenuniform trägt und jeden freundlich begrüßt, nur deutsche Gäste nicht, schmiegen sich schlanke Frauen an Männer, die nach Reichtum aussehen. Wer kein Geld hat, geht in der Dunkelheit am Ufer promenieren. Wenn man den Kopf hebt, kann man an den Wohnblocks oberhalb der Promenade zwei überdimensionale Orden sehen, die Wolgograd verliehen wurden, als es noch Stalingrad war. Die Ufertreppe ist von riesigen Kandelabern erleuchtet. Auf den Stufen schmiegen sich dünne Mädchen an Männer, die nach armen Studenten aussehen.

Als Wolgograd noch Stalingrad hieß, litt die Wirtschaft hier keine Not. Selbst als die Stadt 1961 umbenannt wurde, vergaß man den Menschen dort nicht, was sie als Stalingrader für das Vaterland geleistet hatten. Von der staatlichen Förderung bevorzugt, vom russischen Tourismus verwöhnt, konnte man sich in Wolgograd nicht beklagen. Aber jetzt? Die Arbeitslosigkeit ist hoch, sagt Marina , die als Dolmetscherin arbeitet und für einen deutschen Verlag schon einen Beitrag zu einem Buch über Wolgograd gemacht hat. Marina, die wie viele, die andere Sprachen können, andere Länder kennen, von einem Leben im Ausland träumt.

Aber wird es je gehen? Da ist der Sohn, der geht zur Schule, die Mutter am anderen Ende der Stadt ist zu alt, um allein zu bleiben, und dann ist da noch die Wolga, die einen sowieso nicht loslässt. Wolgograd ist doch Heimat, sagt Marina, selbst wenn es wieder Stalingrad hieße, was der Himmel verhüten möge, denn soviel Schatten lägen auf diesem Namen, dass es einen grausen würde davor.

„Jeder Quadratmeter Erde hier ist voller Blut. Wolgograd ist auf Knochen gebaut. Kann man es den Leuten verdenken, wenn sie noch immer Stalingrad denken?“, fragt Viktor Serenko, der Dezernent für auswärtige Beziehungen Wolgograds ist. „Die Sehnsucht nach dem alten Namen hat nichts mit Stalin zu tun. Den Menschen in der Stadt geht es nur darum, dass die erbrachten Opfer nicht vergessen werden.“

Alexander Plaxin sieht aus jungen Augen auf seine Stadt. Wahrscheinlich haben die Mädchenherzen geklopft, wenn er in der kommunistischen Jugendbewegung Komsomol das Wort ergriff, und die soziale Gerechtigkeit beschwor. Auch als er mit knapp 26 Jahren Sekretär der Kommunistischen Partei wurde, blieb er seinen Zielen treu. „Das Helfen ist in meinem Charakter.“ Die Sache mit Stalin und dem Namen, natürlich sei er dafür, sagt er eifrig und redet dann doch lieber davon, dass man den jungen Menschen Arbeit und Freude geben müsse.

Bescheiden erzählt er, er habe sich mit Erfolg dafür eingesetzt, dass die Kinder in der Schule Mittagessen erhielten, dass es für Arbeitslose freie Busfahrscheine gäbe. Nun will er sich der Umweltfrage widmen, das Jugendparlament weiter ausbauen, das Lebensniveau heben.

Mitte September ´42 eroberten deutsche Infanteristen den Mamajew-Hügel, eine tatarische Grabstätte, um den später der grausamste aller Kämpfe entbrannte. In der Steppe rund um die Stadt gab es bald die ersten Kältetoten. In Stalingrad wechselte das Kriegsglück. Um jedes Haus, jeden Keller wurde gekämpft, oft genug Auge in Auge. „Rattenkampf“ nannten es die deutschen Soldaten. Weihnachten 1942 war der Kampf längst außer Kontrolle geraten. Auf beiden Seiten verhungerten oder erfroren die Soldaten in großer Zahl. In der belagerten Stadt sangen die Deutschen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und zitterten dabei vor Kälte. Seit Monaten hatten sie von ihrer knappen Ration etwas für diesen Abend zurückbehalten. In einen der Steppenbunker war ein Klavier gebracht worden, der Kommandant persönlich musizierte: Bach und Händel, das Klavierkonzert A-Dur von Mozart, Chopin und Beethoven.

Währenddessen sollen die Wände von den Geschützen gebebt haben, soll der Staub von der Decke gerieselt sein. Es sei die „ergreifendste Weihnachtsfeier angesichts des Todes gewesen“, schrieb der damals 36jährige Kurt Reuber, ein Theologe und Freund von Albert Schweitzer, nach Hause. Viele Soldaten der Sechsten Armee glaubten allerdings immer noch an den Sieg und den dann einkehrenden Frieden, nur die Offiziere ahnten, dass sie den Kessel um die Stadt nicht mehr durchbrechen konnten. Am Morgen des 2. Februar 1943 ergaben sich die deutschen Truppen, ein paar Tage später begann für 40.000 der Marsch in die Kriegsgefangenschaft, in der auch Kurt Reuber starb.

Im Wolgograder Panoramamuseum wird ausgestellt, was von dem großen Gemetzel übrig blieb: Helme, Uniformen, Stiefel, Waffen, eine Stalinorgel, Plakate, die zum Widerstand gegen die Deutschen und zur Verteidigung der Stadt aufrufen, verbrannte Mauerreste. Die Toten haben dort Gesichter. Unter ihren Photos wird erklärt, welche mutigen Taten sie vollbrachten. Viele starben jung, manche waren noch Kinder.

Was das Museum noch immer nicht zeigt, ist die dunklere Seite des Vaterländischen Krieges: 13500 ihrer eigenen an den Kämpfen um Stalingrad beteiligten Soldaten ließen die Sowjets hinrichten. Rund 50 000 Sowjets kämpften in deutschen Uniformen an der Seite der Sechsten Armee, die meisten davon freiwillig. Tausende verhungerten oder erfroren, weil Stalins Überzeugung, die Stadt sei im Nu wieder befreit, schnellen Nachschub an Lebensmitteln und Kleidung verhinderte.

Im obersten Stock des Museums befindet sich das längste Bild der Welt: 120 Meter im Kreis. Es ist eine Darstellung der verschiedenen Phasen der Schlacht, auf der das Sterben kein Ende nimmt. Hier röchelt sich einer das Blut aus dem Hals, dort treten einem anderen die Gedärme aus dem Bauch, ein dritter bricht mit einem Herzschuss zusammen. Man beneidet die Künstler nicht, die über ein Jahr lang immer neue Todesszenen malen mussten. Mit zum Himmel gestreckten Händen flehen Verwundete um Erlösung, Sterbende öffnen die Münder zu stummen Schreien. Der Himmel ist rot und schwarz, die Erde voller Blut, die Wolga brennt, die Stadt liegt in Trümmern. Am Rande der gemalten Landschaft fliehen Frauen, Kinder und Alte, über der gemalten Wolga auf der einen Seite und den Wiesen um Wolgograd auf der anderen Seite stürzen Kampfbomber mit Hakenkreuz ab.

Zwischen dem Rundweg, auf dem die Betrachter gehen, und der bemalten Wand sind drei Meter Platz. Die reichen, um der Schlacht plastische Dimensionen zu geben. Dort liegen Soldatenhelme und Gerippe mit zerfetzten Uniformen, stehen Holzkreuze, verstreut die Überreste verbrannter Häuser und Schutzhütten. Ein Stockwerk tiefer wird eine Ausstellung über die Folgen der Atombombenangriffe der Amerikaner auf Hiroshima und Nagasaki gezeigt. Zwischen Ketten mit gefalteten Papierkranichen hängen Photos von verbrannten Körpern, Kindergesichtern mit leeren Augen, Menschen, die nur noch ein Klumpen Fleisch sind. Die Schlichtheit der Photos und der Exponate bilden einen krassen Gegensatz zu dem Monumentalismus der russischen Ausstellung. Per Video erzählen Überlebende vom Horror der Angriffe. Eine Schulklasse sitzt mucksmäuschenstill davor. „Heiwa“, Friede, steht mit schwarzen Kanjis auf einem langen weißen Transparent.

In der Museumshalle haben sich fünf Veteranen getroffen. Jeder Zentimeter der Brustpartie ihrer Jacken ist mit Orden bedeckt. „Niemals“, sagen sie auf die Bitte, sich einen Augenblick mit den Deutschen zu unterhalten. Gleich stehen drei auf und gehen. Eine Frau und ein Mann bleiben, die Frau tritt in den Vordergrund und fängt an zu reden. 18 sei sie gewesen, als die Schlacht um Stalingrad entbrannte. Eine Jugend voller Entsetzen. Den Deutschen traue sie heute noch nicht, auch wenn sie wisse, die junge Generation, die treffe keine Schuld. „Vergessen ist nichts.“ Die deutschen Soldaten seien unnötig grausam gewesen. Sie hätten auf Frauen und Kinder geschossen, als diese versuchten, ans andere Ufer der Wolga zu fliehen. Sie hätten vor Unschuldigen keinen Halt gemacht.

Die Schulklasse, die nur aus Jungen besteht, hat sich von dem Schock über die Hiroshimabilder erholt und verlässt lärmend das Museum. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahre alt. Die Ereignisse der Schlacht um Stalingrad kennen sie aus dem Geschichtsunterricht, manche aus den Geschichten ihrer Großväter. Damit deren Einsatz nicht vergessen wird, finden sie einen Museumsbesuch wichtig, sagen sie altklug. Den Deutschen gegenüber haben sie keine Vorbehalte. Das alles sei doch schon so lange her, und außerdem würde dieses Museum ja zeigen, wie wichtig der Frieden der Völker sei.

Um Stalingrad nicht zu vergessen, wohl aber den Schmerz, das Blut, den Leichengeruch, wurde das Grauen erhöht, bis es als Grauen nicht mehr zu erkennen war. Am Mamajew Hügel, der nach dem Krieg Gedenkpark wurde, ist das Entsetzliche zur zweifelhaften Ästhetik versteinert. In Beton gegossene Kriegsszenen, riesenhafte Figuren, leidende Mütter mit verarbeiteten Händen und Madonnengesichtern, Soldaten, die vorwärts stürmen, Kameraden vom Feld tragen, aufgerichtet dem Feind ins Auge schauen. Männer mit Muskeln und einem breiten Brustkorb, mit klaren Gesichtern, geschwungenen Lippen und herausstehenden Hinternbacken: Der Krieger als Verkörperung homoerotischer Sehnsüchte.

Die Idee zu einem Gedenkpark der Schlacht entstand bereits in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Dass der Park erst in den späten fünfziger Jahren eröffnet wurde, lag daran, dass Russland zu sehr mit dem Wiederaufbau beschäftigt war. Am Fuße des Hügels liegen die Gräber der russischen Soldaten, die sich in der Schlacht durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet haben. Einer, der auch auf dem Panoramabild zu sehen ist, hat mit seinem sterbenden Körper eine heruntergeschossene Telegraphenleitung warm und funktionstüchtig gehalten, so dass die Befehle weiter übermittelt werden konnten. Mag sein, dass diese Geschichte wahr ist.

In der Halle für die Gefallenen brennt die ewige Flamme. An der Wand hängen Stoffbahnen, in die stellvertretend für alle Gefallenen die Namen von siebentausend Toten eingewebt sind. Schumanns „Träumereien“ spielen vom Band. Jahr für Jahr, den lieben langen Tag, von 10 bis 17 Uhr. Danach ist Stille, gehen die Soldaten, die Ehrenwache halten, nach Hause, über der Wolga zieht langsam Abendnebel auf. Nur die Flamme brennt weiter, und ein paar Postkartenverkäufer harren aus, bis der letzte Spaziergänger den Park verlassen hat.

Auf der Spitze des Hügels steht Rodina Matj, die Mutter Heimat, von der die Wolgograder behaupten, sie sei die höchste Statue der Welt. Vom Sockel bis zur Spitze ihres kämpferisch erhobenen Schwertes misst sie furchterregende 82 Meter. Von Mütterlichkeit hat diese Mutter nichts, ist mehr Kerl als Weib, nur der prächtige Busen, der knöchellange Rock weisen auf die geschlechtliche Zugehörigkeit. Die Hände aber, von denen sie eine ausstreckt um ihre Kinder zum Kampf zu rufen und mit der anderen auf die Stadt weist, sind riesengroß und so plump wie die von Nina Salina, der Stalinfreundin.

In Stalingrad nahm das Sterben auch nach dem Sieg über die Sechste Armee kein Ende. Der Nachschub an Lebensmitteln blieb weiterhin aus. Viele der ausgemergelten Zivilisten überlebten den Winter nicht, andere fielen den paranoiden Verrätervorstellungen Stalins zum Opfer.

Es wäre an der Zeit, sagt Nina Salina, dass sich das neue Russland wieder auf seine alten Stärken besinne. Das tät auch der Wirtschaftskraft gut. „Investoren und Touristen werden kommen, diese Stadt mit dem großen Namen zu sehen.“ Denn Stalin, meint Nina Salina, sei ein großartiger Mann gewesen, dessen Name zu Unrecht mit Dreck beworfen wurde. Hinter ihrem Rücken rollt Alexander Plaxin mit den Augen. „Auf Wiedersehen in Stalingrad“, sagt Nina Salina zum Abschied.

An jenem Abend ist die Luft lau und man sieht Alexander in einer der Schaschlikkneipen lachen und sein Mädchen küssen. Später gehen die beiden engumschlungen am dunklen Ufer jenes Flusses, der dieser Stadt ihren Namen gibt: Wolgograd.

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