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1993 hing an dieser Stelle der Fünfjahresplan - heute steht hier eine neue Dorfkirche (foto: ch/rufo)
1993 hing an dieser Stelle der Fünfjahresplan - heute steht hier eine neue Dorfkirche (foto: ch/rufo)
Dienstag, 10.10.2006

Zeitsprung: Kirche statt Fünfjahresplan in Sibirien

Corinna Hauri, Moskau. Russland hat sich in den letzten Jahren in rasendem Tempo verändert - auch in Nautschny Gorodok, einem Örtchen mitten in Sibirien: Ein Wiedersehen 13 Jahre nach einem Schüleraustausch.

„Nautschny Gorodok“ bedeutet „Wissenschaftsstädtchen“. Selbiges liegt idyllisch am Ob, am Fuss des Altaigebirges. Im Herbst 1993, als hier im Rahmen eines Schüleraustausches 15 Schweizer Gymnasiasten für zwei Wochen in Gastfamilien lebten und an der Schule täglich einige Stunden Russischunterricht erhielten, lebten hier 2.500 Einwohner.

Die Tafel am Ortseingang ist noch die alte (foto: ch/rufo)
Die Tafel am Ortseingang ist noch die alte (foto: ch/rufo)
In die 20 Kilometer entfernte Millionenstadt Barnaul fuhr einmal pro Stunde ein klappriger Bus. Die Leute wohnten in 20 vierstöckigen Plattenbauten mit je 60 Wohnungen, verfügten über eine Schule, ein Versammlungshaus, einen kleinen Einkaufsladen und arbeiteten dort, was der Siedlung den Namen gab, als sie vor 40 Jahren errichtet wurde: zwei Institute - eines für Tierzucht, eines für Weizenselektion. Deshalb gehörte zum Ganzen auch noch ein Versuchsbetrieb mit riesigen Landwirtschaftsflächen.

Dieser erste Besuch aus dem Westen war eine Sensation: Das ganze Dorf war aufgeregt, die Kinder in der Schule trauten sich erst nach einigen Tagen, diese fremden Wesen, die von weit her kamen, anzusprechen und sie dann mit Zeichnungen zu beschenken.

Am Wochenende, als im Versammlungshaus die Jugend eine Disco organisierte, fielen die Schweizerinnen auch auf: kein Make-up, keine Miniröcke, keine hohen Absätze, stattdessen Jeans und Turnschuhe. Heute würden sie sich nicht mehr sehr abheben, denn die Jugendlichen in Nautschny Gorodok unterscheiden sich punkto Kleidung wenig von Gleichaltrigen aus dem Westen.

Plötzlich haben die Straßen Namen


Auch sonst hat sich einiges verändert: Dort, wo noch 1993 ein alter Fünfjahresplan hing, wurde vor sechs Jahren eine Kirche errichtet. Der Laden, in dem es damals nichts gab außer Brot, Bier und einigen wenigen Konservendosen, ist nicht mehr in Betrieb. Ersetzt wurde er durch fünf andere Lebensmittelläden, die zwar kein großes, aber doch ein wesentlich abwechslungsreicheres Angebot haben.

Der Bus fährt nun mehrmals pro Stunde in die nahe Stadt, dazu kommen viertelstündlich „Marschrutki“, private Sammeltaxis, die eine fixe Route fahren, aber überall anhalten, wo es gewünscht wird.

Pendler aus Barnaul haben sich Häuser auf dem Land gebaut (foto: ch/rufo)
Pendler aus Barnaul haben sich Häuser auf dem Land gebaut (foto: ch/rufo)
Das Dorf ist zudem sehr gewachsen, rund 6.000 Menschen wohnen nur dort. Wohnraum ist günstiger als in Barnaul, aber die Distanz in die wirtschaftlich relativ erfolgreiche Stadt mit vielen Arbeitsplätzen nicht groß. Dort, wo 1993 erst die ersten Einfamilienhäuser entstanden, ist ein Wohnviertel entstanden, das größer ist als das ursprüngliche Wissenschaftsstädtchen.

Sogar Straßennamen gibt es dort – in der ursprünglichen Plattenbausiedlung reichten Haus- und Wohnungsnummern. Auch haben die meisten Bewohner inzwischen eine Waschmaschine – vor 13 Jahren war das noch eine bestaunte Seltenheit – sowie einen Telefonanschluss. Damals verfügten darüber nur einige Privilegierte.

“Kredite wie bei euch“


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Für die Leute von Nautschny Gorodok hat sich in diesen 13 Jahren neben der Infrastruktur noch mehr verändert. Für die junge Generation zum Guten: „Wir haben heute mehr Möglichkeiten, mehr Freiheiten, können Karriere machen und reisen“, sagen Alina (29, Name geändert) und Irina (28) übereinstimmend. Beide arbeiten in Barnaul, Alina als Buchhalterin in einer Kreditgesellschaft, Irina im Personalbereich eines Mobilfunkanbieters.

Alina steht kurz vor dem Kauf einer Einzimmerwohnung in Nautschny Gorodok. Irina möchte in wenigen Monaten nach Moskau ziehen, um dort zu arbeiten – mehrere junge Leute aus dem Städtchen haben es erfolgreich vorgemacht und mit ihrer Ausbildung und ihren Englischkenntnissen hat auch Irina eine reelle Chance, dies zu schaffen.

Gut und Böse in Form von Geschirrspül- und Geldspielautomaten


Erfolg im Beruf hatte auch ihr Bruder, allerdings ohne wegzuziehen: Boris hat nach einem Medizinstudium ein Jahr als Arzt gearbeitet und dabei kaum etwas verdient. Unterdessen ist er Manager in einer Pharmafirma – „er verdient sehr gut, hat zwei Autos und einen Geschirrspüler“, sagt die stolze Schwester.

viel platz und frische Luft: Das Ob-Ufer bei Nautschny Gorodok (foto: ch/rufo)
viel platz und frische Luft: Das Ob-Ufer bei Nautschny Gorodok (foto: ch/rufo)
„Klar gibt es auch Entwicklungen, die ich weniger gut finde,“ meint Alina. Sie stört sich beispielsweise an den Geldspielautomaten, die es in der Stadt überall gibt und die viele Leute verleiten, ihr Gehalt sinnlos auszugeben.

Und Irina fragt sich, ob es gut ist, dass man seit vier oder fünf Jahren relativ einfach einen Kredit für den Kauf einer Waschmaschine oder einer Wohnung oder erhalten kann – „aber das ist nun wie bei euch“, sagt sie, „es macht schon einiges einfacher.“

Klassen und Lehrergehälter schrumpfen


Für die ältere Generation ist es hingegen nicht einfacher geworden. Die beiden Lehrerinnen Olga (51) und Galina (53), beklagen sich darüber, dass aus Spargründen Klassen zusammengelegt werden: Statt 20 Schüler sind es nun 35 oder mehr. „Die Klassenzimmer sind zu klein“, sagt Galina.

Zudem ist die Zahl der Deutsch- und Englischstunden zusammengestrichen worden. „Wie sollen die Kinder in einer Lektion pro Woche noch etwas lernen?“, fragt sie. Wegen der Streichung der Lektionen und dem Zusammenlegen der Klassen sind die Stundenzahlen der Lehrerinnen geringer geworden - und somit auch die Löhne.

Die Angst vor der mickrigen Rente


Olga: „Bis vor zwei Jahren habe ich noch 7.000 Rubel verdient, heute sind es noch 5.000.“ Mit diesem Gehalt komme man nicht weit, erklärt Galina: „2.000 Rubel gehen für Wasser, Strom, Telefon etc. weg. Damit bleiben mir noch 100 Rubel pro Tag. Nun, da ich einen Wintermantel brauche, esse ich seit Tagen nur Brot, Milch und Gemüse, das ich in meinem Garten selber ziehe. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Fleisch gegessen habe.“ An ihre Pensionierung mag sie gar nicht denken, ihre Rente werde rund 2.500 Rubel betragen. Es betrübt sie auch, dass die Jungen nicht mehr interessiert sind, in der Wissenschaft zu arbeiten. Eine Dissertation mache kaum mehr jemand. „Aber wieso sollen sie auch, in der Wissenschaft verdient man ja kaum“, sagt sie.

Das kleine Glück eines Traktoristen


So negativ sehen jedoch nicht alle die Entwicklung der letzten Jahre. Igor, ein 54-jähriger Traktorist sagt: „Ich habe ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch, einen fruchtbaren Garten, zwei Töchter, die gut herausgekommen sind, eine Enkelin und bin gesund. Was will ich mehr?“

(Corinna Hauri/.rufo)


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