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Minus 37 Grad zeigt das Thermometer an. Ein Aufenthalt im Freien ist alles andere als gemütlich (Foto: TV)
Minus 37 Grad zeigt das Thermometer an. Ein Aufenthalt im Freien ist alles andere als gemütlich (Foto: TV)
Donnerstag, 19.01.2006

Kältewelle: Geht auch die Stromversorgung baden?

St. Petersburg. Mancherorts sackte das Thermometer schon auf etwa 40 Grad ab – so etwa im Kreis Boksitogorsk 200 Kilometer östlich von St. Petersburg. Russland muss jetzt alle Energiereserven mobilisieren.

Am Donnerstag morgen gab es in Moskau und Petersburg bis zu 33 Grad Frost. Sieben Moskauer erfroren in der Nacht. Meist handelt es sich bei den Unglücklichen um Betrunkene, die an einer dafür ungeeigneten Stelle einschlafen.

Ein Ende der Kältewelle ist vor Monatsende nicht in Sicht. Die Meteorologen wollen inzwischen nicht einmal mehr ausschließen, dass in Moskau der absolute Tiefsttemperaturrekord von 42,1 Grad aus dem Jahr 1940 übertroffen werden kann.

Hören Russen, wie man in Mitteleuropa bei minus 10 oder 15 Grad schon von „sibirischer Kälte“ spricht, haben sie nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Doch nun ist den Menschen im europäischen Russland das Grinsen vergangen – es wurde vom Zähneklappern abgelöst: Anfang der Woche schwappte die enorme Kälteblase eines Hochdruckgebietes über den Ural und machte sich zwischen Ostsee und Kaspischem Meer breit.

Bleibt die Heizung wohl warm?


Auch für kälteerprobte Russen kommt da zu klammen Füßen und Fingern ein flaues Gefühl hinzu: Halten die Zentralheizungen in den Wohnblocks und die oft überalterten Fernwärmeleitungen die Belastung aus? Bricht das Stromnetz nicht zusammen, wenn fröstelnde Landsleute allerlei – zum Teil selbstgebastelte - Heizgeräte an die Steckdosen hängen? Und reichen in den Heiz- und Kraftwerken Öl, Gas und Kohle?

Große Infrastruktur-Ausfälle blieben nach den ersten zwei eiskalten Nächten aus – von Ausnahmen abgesehen: Im Moskauer Vorort Tomilino verbrachten 8000 Menschen eine lange Nacht ohne Heizung, nachdem das Heizwerk eines Hubschrauberwerkes ausgefallen war. Eine dortige psychiatrische Klinik musste eilends geräumt werden.

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• Frost-Alarm in Moskau, Kälterekord am Donnerstag? (17.01.2006)
• Frostrekorde in Sibirien (13.01.2006)
Auch in Wyborg nahe der finnischen Grenze blieben 245 Häuser nach einem Leitungsschaden einen Tag lang ohne Wärmeversorgung. Probleme gibt es auch im öffentlichen Nahverkehr: Busse, die nicht rechtzeitig mit arktis-tauglichen Spezial-Diesel betankt wurden, blieben liegen. Und in Moskau wie Petersburg standen manche Trolleybus-Linien, weil durch den Frost die Oberleitungen rissen.

Erst Engpässe, jetzt Zusatzlieferungen bei Erdgas


Der Erdgas-Monopolist Gazprom erhöhte die Liefermengen an russische Verbraucher inzwischen um 40 Prozent und den Export nach Westen um 7 Prozent. Dies war eine Reaktion auf eine kritische Situation am Dienstag, als zu Beginn der Kältewelle der Erdgas-Export nach Westen beinahe zusammengebrochen wäre: Russische Großabnehmer hatten von der Moskauer Gas-Leitstelle Fernschreiben erhalten, sie mögen wegen drohender Engpässe doch bitte so weit wie möglich auf anderen Brennstoff umschalten.

Das Resultat war jedoch genau gegenteilig: Es wurde plötzlich bedeutend mehr Gas aus den Pipelines gezapft, um Vorräte anzulegen, worauf der Druck im System stark abfiel. Nach dem russisch-ukrainischen „Gaskrieg“ kurz nach dem Jahreswechsel erhielten deshalb Italien, Ungarn, Kroatien und Serbien vorübergehend wieder um 6 bis 25 Prozent weniger russisches Erdgas. Inzwischen sind die Lieferungen aber wieder stabil.

Staat gibt strategische Brennstoff-Reserven frei


Da überall in Russland der Energieverbrauch extrem anstieg, gab die Regierung strategische Brennstoffreserven frei. Bei den meisten Atom-und Wasserkraftwerken wurde die Produktion hochgefahren.

Moskau: Bangen um das Stromnetz


Kritisch ist die Lage in der Moskauer Region, wo das Stromversorgungsnetz am Rande seiner Kapazität arbeitet, so der Strom-Monopolist EES. Dessen Chef Anatoli Tschubais hatte zu Beginn des Winters erklärt, dass es ab 25 Grad Kälte zu Stromausfällen kommen könne. Ein Menetekel gab es bereits im Mai: Damals hatte ein Brand in einem Umspannwerk für eine Kettenreaktion an Überlastungen gesorgt, worauf halb Moskau einen halben Tag ohne Elektrizität war.

Um Energie einzusparen, wurde in der Hauptstadt die Beleuchtung von Straßen und Fassaden zurückgefahren. Baustellen und Straßenmärkte wurden vom Netz genommen. Großbetriebe wurden zum Energiesparen verpflichtet. Etwa drei Prozent des üblichen Verbrauchs konnten so umgeleitet werden. „Ein ernsthafter Blackout in Moskau könnte sich in viele Regionen fortsetzen“, warnte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu. Die Stadtverwaltung empfahl Industriebetrieben, am Freitag nicht zu arbeiten.

Eisbader fanden es erst richtig „cool“



Durch die extreme Kälte bekam dagegen ein typisch russisches Ritual einen besonderen Reiz: Am Donnerstag, nach dem orthodoxen Kirchenkalender das Dreikönigs- oder „Täuferfest“, stiegen viele ebenso abgehärtete wie gläubige Russen zu einem kurzen Bad in kreuzförmig ins Eis geschnittene Badelöcher – unter Aufsicht daneben stehender Popen. Da das Wasser gesegnet sei, werde man davon nicht krank, erklärte ein Geistlicher aus Omsk im russischen Fernsehen.

Zwar warnten Ärzte Menschen mit Herzschwäche ausdrücklich vor dem alten Brauch. Und auch die Kirchenführung hatte zuvor darauf hingewiesen, dass diese kernige Prozedur keineswegs vorgeschrieben sei – an Freiwilligen herrschte dennoch kein Mangel: So nahmen im Petersburger Vorort Sestrorezk bei 30 Grad Kälte etwa 1000 Menschen die Eistaufe auf sich. Wer es wagte, bekam danach von den Kirchdienern 50 Gramm Wodka zum Aufwärmen verabreicht.

(ld/.rufo)


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