Von Karsten Packeiser, Moskau. Aufgebrachte Rentnerinnen skandierten vor dem Gerichtsgebäude „Schande“ und „Satanisten“, doch insgesamt konnte die orthodoxe Kirche einen Sieg feiern. Die Organisatoren einer kirchenkritischen Kunstausstellung im Moskauer Sacharow-Zentrum sind zu hohen Geldstrafen verurteilt worden. Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen der russischen Bürgerrechtler-Szene und dem Moskauer Patriarchat geht in eine neue Runde.
Zu den Verhandlungen hatten sich mehr Menschen in den engen Gerichtssaal gequetscht, als die umstrittene Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ je Besucher hatte. Streng gläubige Frauen mit Kopftüchern und Ikonen drängten sich neben prominenten Dissidenten und kurzgeschorenen Aktivisten rechtextremistischer Organisationen.
Scheußlich, empörend, ungesetzlich
Museums-Direktor Juri Samodurow und seine Mitarbeiterin Ljudmila Wassilowskaja sind nach dem Abschluss Verfahrens wegen „Aufwiegelung von religiösem und nationalem Hass“ vorbestraft. Sie müssen eine Geldstrafe in Höhe von umgerechnet je 2.700 Euro zahlen. Eine ebenfalls mitangeklagte Künstlerin wurde freigesprochen.
Dass sich die Staatsanwaltschaft mit ihrer Forderung nach einer dreijährigen Haftstrafe für die Angeklagten nicht durchsetzen konnte, wurde in orthodoxen Kreisen mit Verständnis aufgenommen. „Wir sind zufrieden, dass das Gericht die Anstiftung von religiösem Hass auch als solche gewertet hat“, sagt Kyrill Frolow vom „Bund orthodoxer Bürger“. Der Prozess sei mit einem „Sieg für die Bürgergesellschaft“zuende gegangen, ohne dass Samodurow zu einem Märyrer gemacht wurde.
Der Anwalt Juri Schmidt erklärte dagegen, das „scheußliche , empörende und absolut ungesetzliche Urteil“ sei auf Druck der Kirche und der Staatsführung zustande gekommen. Auch die Moskauer „Iswestia“ äußerte Zweifel, dass Russland nach dem Aufsehen erregenden Urteil noch ein weltliches Land bleibe: „Wer die ganze Geschichte zunächst noch mit einem Lächeln verfolgte spürte gestern den Geist der Inquisition“, heißt es in einem Kommentar der Zeitung.
Wir haben ein Tabu verletzt
Nur wenige Tage lang war die Ausstellung „Vorsicht, Religion!“ im Januar 2003 überhaupt zu sehen gewesen. Ausgestellt war unter anderem ein Christus-Bild vor einer Coca-Cola-Werbung und der Aufschrift „Dies ist mein Blut“ und eine Ikone mit einem Loch anstelle des Heiligengesichts, durch das Besucher ihren Kopf stecken konnten. Bereits kurz nach der Eröffnung war die Ausstellung von einer Gruppe orthodoxer Aktivisten verwüstet worden.
In Privatgesprächen äußerten selbst führende Bürgerrechtler Zweifel am Zweck einer solchen Ausstellung ausgerechnet im Sacharow-Museum, einem Zentrum der Menschenrechtsbewegung, Kirchennahe Kreise werteten den Konflikt dagegen als weiteren Beleg dafür, dass die gesamte Bürgerrechtler-Szene der Orthodoxie gegenüber feindlich gesonnen ist.
„Wir haben ein Tabu verletzt“, kommentierte Samodurow in einem Rundfunkinterview das Urteil. „Alle hatten Angst, dieses Tabu zu brechen, nur wir nicht.“ Bereits am Tag der Urteilsverkündigung kündigte das Sacharow-Zentrum die Durchführung der nächsten provokanten Ausstellung an. Sie soll den modernen politischen Häftlingen in Russland gewidmet sein. Für die Aufhebung des Urteils und die Freiheit der Kunst wollen die Verurteilten notfalls bis vor den Menschenrechtsgerichtshof nach Straßburg ziehen.
(epd/kp)
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