Leoparden-Spuren im Kaukasus (Foto: Lukarewski/WWF-Russia)
Montag, 15.11.2004
Kaukasus-Leoparden: Wiederentdeckte Raubkatzen
Von Karsten Packeiser, Moskau. Immer wieder gab es Berichte von den Einwohnern entlegener Bergdörfer und russischen Soldaten. Nun haben Experten der Umweltschutzorganisation WWF bei einer Expedition nachgewiesen: Im äußersten Südosten Europas gibt es in den Bergen des Großen Kaukasus noch immer frei lebende Leoparden.
Einige wenige Einzeltiere oder Paare leben demnach in unbesiedelten Tälern der russischen Teilrepubliken Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan.
Der Fund frischer Spuren in den russischen Bergen ist eine kleine Sensation. Denn bisher konnten die Biologen allenfalls vermuten, dass die Großkatze als verirrter Zuwanderer gelegentlich so weit nach Norden gelangt. „In den 90-er Jahren konnten Biologen wegen der kriegerischen Konflikte in der Region auch keine Studien mehr durchführen“, erklärt Wladimir Krewer vom WWF in Moskau. Wie viele der Tiere im Süden Russlands überlebt haben ist aber auch weiterhin unbekannt. Eine Antwort darauf hoffen die Wissenschaftler in den kommenden Monaten zu finden.
Leoparden-Revier in Dagestan (Foto: Lukarewski/ WWF-Russia)
20 bis 25 Tiere im Südkaukasus
Bis vor kurzem galt die Leoparden-Unterart im Kaukasus als vollständig ausgestorben. Vor drei Jahren konnten Naturschützer dann aber im Grenzgebiet zwischen Armenien und der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan sowie in den aserbaidschanischen Talysh-Bergen kleine Restpopulationen dokumentieren. Auf etwa 20 bis 25 Tiere schätzt Nugsar Sasanaschwili, WWF-Kaukasus-Koordinator in der georgischen Hauptstadt Tiflis, diese Population, „Etwa genauso viele Tiere haben vermutlich etwas weiter südlich im Iran überlebt.“ Nicht ausgeschlossen sei auch, dass es noch einige wenige Exemplare der Raubkatze im Nordosten der Türkei gibt.
„Natürlich ist die Anzahl so gering, dass weiter ein Aussterben der Art droht“, sagt Sasanaschwili. Zur Rettung der Leoparden seien groß angelegte Schutzmaßnahmen notwendig. Aserbaidschan hat bereits zwei Gebiete, die als Lebensraum der Raubkatzen gelten, zu Nationalparks erklärt. Die verschärften Schutzmaßnahmen zeigen bereits erste Erfolge: seit 2001 ist nach Angaben der Umweltschutzorganisation im Südkaukasus nur ein einziges Tier von Wilderern getötet worden.
Entschädigungen für gerissenes Vieh
Bei den geplanten Projekten zur Vermehrung der Kaukasus-Leoparden setzt der WWF auf bereits erprobte Konzepte, um die einheimische Bevölkerung von den Schutzmaßnahmen zu überzeugen. In anderen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, wo die letzten Sibirischen Tiger und Schneeleoparden leben, haben sich Entschädigungssysteme und Versicherungen bewährt. Hirten, deren Schafe oder Ziegen von den Raubkatzen gerissen werden, erhalten neue Tiere aus einer Herde der Umweltschützer, berichtet.
Noch vor hundert Jahren war die an das Gebirgsklima angepasste Unterart des Leoparden (Panthera pardus ciscaucasica) in der gesamten Kaukasus-Region weit verbreitet. Die gefleckte Großkatze ist Held unzähliger Märchen und Legenden der Berg-Völker. Bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinein lebten im Süden der Kaukasus-Großregion, vor allem im Iran, darüber hinaus sogar noch Tiger. „In Georgien wurde das letzte Tier in den 30-er Jahren erschossen“, so Nugsar Sasanaschwili. Anders als der Leopard ist der Kaspische Tiger allerdings definitiv ausgestorben. Hoffnungen, einzelne Tiere könnten ähnlich unerwartet wiederentdeckt werden wie die Leoparden, macht sich zumindest niemand.
(epd)
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