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| Lebenslänglich (Foto: Gawrilow/rUFO) | |
Donnerstag, 13.03.2003
Lieder hinter Gittern
Von Katja Tichomirowa, Moskau. Das Singen eine befreiende Wirkung haben kann, weiß jeder, der einmal aus vollem Hals unter der Dusche gesungen hat. Gegen jede Form der Tyrannei ist singender Weise Protest erhoben worden. Davon zeugen Hymnen wie die Marseillaise oder die Internationale. Und alle haben die schlichte Botschaft: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.
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Ein ähnlich sehnsuchtsvoller Gedanke muss auch jenen Beamten im russischen Justizministerium bewegt haben, der unlängst auf die Idee kam, unter den 875 000 Gefangenen in russischen Strafanstalten einen Gesangswettbewerb auszuloben. Jeder einzelne Strafgefangene sei angehalten, sein musikalisches Talent anhand von Tonbändern unter Beweis zu stellen, erklärt Sergej Boltkow, Leiter der Kulturabteilung in der Obersten Gefängnisverwaltung des russischen Justizministeriums.
Im kommenden Oktober wird dann ein großes Abschlusskonzert in Moskau den Sängerwettstreit beenden. Dem Meistersinger, so war zu hören, winke als erster Preis die Freiheit.
Das wollte das russische Justizministerium jedoch vorerst nicht bestätigen. Über eine vorzeitige Haftentlassung entscheide die Jury des Wettbewerbs gemeinsam mit der Gefängnisverwaltung, erklärte ein Sprecher des Ministeriums der Berliner Zeitung am Mittwoch. Einen serienmordenden Caruso will man offenbar nicht so ohne weiteres auf freien Fuß setzen.
Der therapeutischen Wirkung von Musik will man dagegen gern vertrauen. Lieder über das Leben im Knast haben überdies Tradition. Russlands berühmtester Barde, Wladimir Wyssotzki, war in diesem Genre besonders erfolgreich. Ob jedoch die russischen Gefängnisse und Straflager allein durch den Gesang ihrer Insassen zu Orten werden, an denen man sich ruhig niederlassen wollte, darf bezweifelt werden.
Die Jury zeigte sich allerdings von den bislang eingesandten Tonbändern beeindruckt. Zu den Preisrichtern gehören der Dichter Michail Tanitsch, der Witwe des russischen Schauspielers und Regisseurs Wassili Schukschin und die Schlagerkomponistin Alexandra Pachmutowa. Die Schauspielerin Lidija Fedossejewa Schukschina dürfte auch den Titel des Gesangswettbewerbs beigesteuert haben: Kalina Krassnaja (deutsch: Rote Schneeballbeere) ist zugleich Titel eines berühmten sowjetischen Films, den Wassili Schukschin 1974 drehte. Er handelt von einem ehemaligen Strafgefangenen, der vergeblich versucht ein neues Leben zu beginnen.
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