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Die MiG als Kleinbus (foto: EADS)
Die MiG als Kleinbus (foto: EADS)
Freitag, 25.07.2003

Mit Überschall durchs Sommerloch zum Ozonloch

Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Sommerzeit ist Saure-Gurken-Zeit und Reisezeit. Deshalb lässt sich das mediale Sommerloch am besten mit Tourismus-Stories stopfen. Die Hits dieser Saison in der deutschen Presse: Kanzlers Italien-Boykott – und Welttraumtourismus für arme Leute. Denn EADS-Ingenieure aus Bremen präsentierten die heiße Idee, eine Art Aussichtskanzel auf russische MiG-31-Jets zu schnallen. Der „MigBus“ macht dann mit 12 Passagieren eine Stippvisite in der Stratosphäre und in der Schwerelosigkeit.

In Russland fiel die Story natürlich auch auf goldenen Boden: „Der westeuropäische Konzern EADS verwandelt russische Militärjets in Vehikel für den Transport von Touristen ins Weltall. Kosten einer Tour – 10.000 Dollar“ titelte dieser Tage die „Iswestija“.

Wenn das so ist, wo kann ich mich anmelden? – wird sich so mancher Zeitungsleser da gefragt haben. Aber leider ist es nicht so.

Erstens baut die EADS vorerst keine Abfangjäger zu Touristen-Shuttles um, sondern denkt nur laut über eine solche technische Möglichkeit nach. "Was unsere Raumfahrt-Ingenieure geliefert haben, ist eine Vision. Es ist Sache der Tourismus-Spezialisten, herauszufinden, ob sich das überhaupt rechnet", wiegelte EADS-Sprecher Gregor von Kursell gegenüber aktuell.RU ab. Auch habe der Konzern nicht im geringsten vor, eigene Mittel in dieses Projekt zu stecken. "Uns interessiert die technische Seite der Sache, wir sind kein Touristik-Unternehmen", so von Kursell.

Allerdings wurden von den Bremer Erfindern des „Migbus“ genannten Stratosphären-Shuttles schon konkrete Zahlen genannt, wieviel der Spaß kosten soll: 50 bis 100 Millionen Dollar für die Entwicklung – und etwa 10.000 Euro für ein Ticket. Das entspricht etwa dem Preis, den man bislang für eine Concorde-Überschallreise über den Atlantik hinzulegen hatte. Gegenüber den 20 Millionen Dollar, die die ersten Raumtouristen Denis Tito und Mark Shuttleworth den Russen für ihre Wochentrips zur Raumstation ISS bezahlten, ein Taschengeld.

Wie sie allerdings auf ihre Zahlen kamen, behielten die Entwickler für sich. Der Verdacht sei erlaubt, dass sie deutlich zu niedrig angesetzt sind. Auch wenn es in Russland reichlich arbeitslose MiG-31-Jäger gibt, handelt es sich doch um die Ausarbeitung eines komplett neuen Transportmittels, das zudem noch extremen Belastungen stand halten müsste. Ob dafür das Geld ausreichen würde, dass ein durchschnittlicher russischer Oligarch für einen britischen Fußballclub auszugeben bereit ist, darf bezweifelt werden.

Die auf den Rücken der MiG aufgeschnallte Kabine soll Platz für 12 Personen und einen Flugbegleiter bieten. Die Passagiere tragen für den Notfall Druckanzüge und Sauerstoffmasken. Nach dem Start würde der zu 2,5-facher Schallgeschwindigkeit fähige Düsenjäger seine Dienstgipfelhöhe von 21 Kilometern ansteuern und dann durch den Schwung noch 10 Kilometer weiter steigen. Aus dieser Höhe erkennt man dann schon, dass die Erde eine Kugel ist.

Wenn der Jet dann wieder langsam in den Sinkflug übergeht, würden die Passagiere an Bord für etwa eine Minute den Eindruck von Schwerelosigkeit haben. Ein spezielles Gurtsystem könnte ihnen erlauben, in dieser Zeit etwas über ihrem Sitz zu schweben. Für größere Turnübungen, wie sie etwa zum Kosmonautentraining bei Parabelflügen an Bord von umgerüsteten Il-76-Transportern gemacht werden, fehlt in der engen Glasröhre aber der Platz. Im Notfall soll dafür die raketenförmige Kabine absprengbar sein und an einem Fallschirm zur Erde zurückkehren.

Zweifel, ob sich dieser Beinahe-Weltraumtourismus für die Mittelklasse sich allerdings lohnt, hat man nicht nur bei der EADS selbst, sondern auch bei der russischen Zeitung „Wedomosti“. Die befragte zwei russische Agenturen, die schon jetzt für 10.000 Dollar Freiwillige auf den Copiloten-Sitz einer vergleichbar starken MiG-25 schnallen und sie auf Wunsch in ähnliche Höhen expeditieren. Die Nachfrage nach derartigen Vergnügungen überschreitet bei beiden Firmen aber nicht vier bis fünf Personen im Jahr. Der Markt des Stratosphären-Tourismus ist deshalb für ein ähnliches Projekt, dass zunächst einmal große Investitionen erfordert, kaum gegeben, so die Zeitung. Das Ozonloch wird es zu danken wissen.
(ld/rufo)

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