| Selbst Russen, die der Kirche gewöhnlich fern stehen, begrüßen sich in dieser Zeit nicht mit einem formellen „Guten Tag“, sondern mit dem alten christlichen Gruß „Christus ist auferstanden!“ („Christos woskresse!“). Wer den Gruß erwidern will, antwortet mit den Worten „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ („Woistinne woskresse.“).
Zu Sowjetzeiten etablierte sich ein von der Kirche nur halbherzig tolerierter Brauch, am Ostersonntag auf dem Friedhof die Gräber verstorbener Verwandter zu besuchen. In den finsteren Jahrzehnten der Kirchenverfolgung war der Friedhofsgang eine gute Legitimation, auch einen Ostergottesdienst zu besuchen.
Noch heute strömen hunderttausende von Russen auf die Friedhöfe des Landes, obwohl es eigentlich andere Sonntage im Kirchenkalender gibt, die speziell dem Gedenken an die Toten gewidmet sind. Die Sitte, sich mit der gesamten Familie am Grab zu einem kleinen Totenschmaus zu versammeln, ist immer noch sehr weit verbreitet. Ein wenig von dem mitgebrachten Essen wird dabei stets für den Verstorbenen beiseite gestellt – zur großen Freude der Friedhofsspatzen.
Die bekommen mit etwas Glück auch ein paar Krümel von den traditionellen Oster-Kuchen („Kultisch“) ab, die vor dem Fest in rauen Mengen produziert und von den Priestern in den Kirchen mit Weihwasser gesegnet werden. Es hat den Anschein, als würden vor dem russischen Osterfest sämtliche Brot- und Tortenfabriken des Landes ihre Produktionsanlagen auf die Kulitsch-Herstellung umstellen.
Zum Osterfest gehören in Russland wie in Deutschland auch bunt gefärbte Ostereier. Aufkleber mit Kirchenmotiven, mit denen die Eier verziert werden können, gibt es an jedem Zeitungskiosk zu kaufen. Den Osterhasen gibt es hierzulande dagegen ebensowenig wie die Sitte, die Kinder Ostereier suchen zu lassen. Wer seinen Sprösslingen diese Freude trotzdem nicht nehmen möchte, kann sich der verwunderten Blicke von Passanten und klönender Nachbars-Babuschkas sicher sein.
(kp/.rufo)
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