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Nasran nach dem Terrorangriff am 22. Juni (foto: ntw)
Nasran nach dem Terrorangriff am 22. Juni (foto: ntw)
Montag, 26.07.2004

Polizist sprengt die Terror-Chefermittler

St. Petersburg. In Inguschetien hat sich ein Polizist im Amtsgebäude des Innenministeriums mit einer Granate in die Luft gesprengt. Der Anschlag galt dem Chefermittler in Sachen des Terror-Großangriffs auf die Stadt Nasran, bei dem im Juni 90 Menschen ums Leben kamen. Zwei Terrorfahnder wurden schwer verletzt.

Gegen sogenannte "Werwölfe in Uniform" kämpfen Sonderermittler von Polizei und Statsanwaltschaft schon seit längerem. So werden in Russland Beamte genannt, die ihre Position für kriminelle Machenschaften missbrauchen. Auch mit Polizisten, die zugleich Zuträger oder Aktivisten des kaukasischen Terroruntergrunds sind, hatte man schon zu tun: Im Laufe des letzten Monats wurden allein in Inguschetien fünf Polizisten verhaftet, die verdächtigt werden, bei dem Großangriff von Terroristen auf die Stadt Nasran im Juni aktiv oder als Helfer beteiligt gewesen zu sein.

Der Anschlag vom Samstag konfrontierte die russischen Behörden erstmals mit einem Selbstmordattentäter aus den eigenen Reihen.

In der Nacht auf den 22. Juni hatten 200 bis 600 Bewaffnete, zum Teil in Armee- und Polizeiuniformen, vorübergehend die Kontrolle über Nasran, die größte Stadt der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien, übernommen. Bei Gefechten sowie an Straßensperren töteten sie insgesamt 90 Menschen, davon 62 Beamte diverser Behörden. Die Täter waren teilweise aus Tschetschenien und den Bergen eingesickert, teils handelte es sich um Einheimische. Bislang wurden etwa 30 Tatverdächtige verhaftet.

Mit einer Granate in der Tasche zur Vernehmung

Der 25 Jahre alte Polizist Mikail Lolachojew hätte am Samstag wohl der sechste als „Verräter“ inhaftierte Beamte werden sollen: Isa Torschchojew, Chef der inguschetischen Kriminalpolizei und zugleich Hauptermittler des Terroraktes, hatte den jungen Milizionär in sein Amtszimmer bestellt. Gegen ihn gab es Verdachtsmomente: Es war bekannt, das sich dessen älterer Bruder vor Jahren den tschetschenischen Kampfgruppen angeschlossen hatte; ihn hatte man auch bei dem Überfall auf Nasran gesehen. Auch Lolachojew selbst hatte nicht überzeugend erklären können, wo er in der Schreckensnacht gewesen war.

„Es war kein Verhör eines Verdächtigen, sondern eher ein Gespräch. Unser Chef wollte dem Unteroffizier ins Gewissen reden, um herauszufinden, wo sich dessen Bruder versteckt“, rechtfertigten sich hinterher Untergebene von Torschchojew. Im Vorzimmer musste Lolachojew zwar seine Dienst-Kalaschnikow abgeben – aber einer Leibesvisitation unterzog man ihn nicht. Ein fataler Fehler: Der Beamte hatte noch eine Handgranate bei sich. Nach anderen Informationen war es ein Sprengsatz, den er sich an den Unterschenkel gebunden und mit einem Zünder in der Tasche verbunden hatte.

Darüber, wie das halbstündige, im Beisein eines Moskauer Terrorfahnders geführte Gespräch zwischen dem Kripo-Chef im Range eines Vize-Innenministers und dem kleinen Polizisten aus bitterarmen Verhältnissen verlief, gibt es nur Gerüchte: Laut der Zeitung „Kommersant“ trieb der Fahnder Lolachojew mit seinen Fragen in die Enge. Als dieser für sich keinen Ausweg mehr sah, zog er die Sicherung aus der Granate. Offenbar gelang es den beiden Ermittlern noch, den Täter entweder zu überwältigen oder in Deckung zu gehen: Während der Attentäter halb zerfetzt wurde, kamen die beiden Beamten schwer verletzt, aber mit dem Leben davon.

Bei Russland-Aktuell
• Inguschetien: Unklarheit über Zahl der Opfer (23.06.2004)
• Überfall in Inguschetien fordert Dutzende Tote (22.06.2004)
• Terror-Großangriff auf Inguschetien (22.06.2004)
Nach Informationen der „Iswestija“ sollte Lolachojew schon am Vorabend zu Hause festgenommen werden. Doch übernachtete er, offenbar vorgewarnt, anderswo. Trifft dies zu, dürfte der junge Beamte von vornherein mit dem Plan, als Selbstmordattentäter den Chef der Terrorfahndung umzubringen, zur Vernehmung gegangen sein – aber niemand hielt den „Schachid“ in Uniform auf.

Straßensperren dienen nur als Maut-Stationen

Wie bescheiden Sicherheitsdenken und Unrechtsbewusstsein in den Reihen der russischen Polizei sind, bewies dem aus Grosny herbei eilenden Korrespondenten der „Iswestija“ noch am gleichen Tag ein Verkehrspolizist in Nasran: „Wir hatten hier heute eine Explosion“, sagte der Beamte nachdenklich, nachdem er dessen Auto 300 Meter vom Tatort entfernt angehalten hatte – um dann gleich zum Alltagsgeschäft überzugehen: „Ihr Fahrer benimmt sich seltsam, ist möglicherweise betrunken. Er muss zur Blutprobe.“ Auf die nüchterne Gegenfrage „Wieviel?“ kam die routinierte Antwort: „100 Rubel“. Nach Übergabe des Wegegeldes konnte das Auto mit tschetschenischer Nummer seinen Weg unüberprüft in Richtung Innenministerium fortsetzen.
(ld/.rufo)


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