Von Karsten Packeiser, Moskau. Bis zuletzt hatten die Gegner des Kyoto-Protokolls in Russland erbitterten Widerstand geleistet: Das Abkommen könne den Klimawechsel gar nicht beeinflussen, es bedrohe den russischen Wirtschaftsaufschwung und sei nach den Entwicklungen der letzten Jahre längst überholt. Der Kreml sah es anders. Mit der Mehrheit der Kreml-Partei „Einiges Russland“ ratifizierte die Duma am Freitag das Abkommen.
Immer wieder hatten sich in den letzten Jahren selbst Stimmen gefunden, die erklärten, für das von kalten Wintern geplagte Riesenreich sei die globale Erwärmung sogar von Vorteil. Eine irrwitzige Argumentation, meint Sergej Bobyljow, Professor für Umweltökonomie an der Lomonossow-Universität. „60 Prozent unseres Landes besteht aus Permafrost-Boden, darunter die Regionen, wo alle unsere Rohstoffe liegen“, warnt er, „Städte und Pipelines – alles würde buchstäblich im Morast versinken.“
Russland hatte das internationale Klimaschutz-Abkommen zur Begrenzung der CO2-Emissionen 1997 zwar unterzeichnet, dann jedoch lange mit der Ratifizierung gewartet. Ohne Moskau konnte das Abkommen bislang aber nicht in Kraft treten, denn dafür ist notwendig, dass Länder am Kyoto-Prozess teilnehmen, die 1990 55 Prozent aller weltweiten Treibhausgase freisetzten. Nach dem Ausstieg der USA nutzten die Diplomaten des Kreml ihre Stellung als Zünglein an der Waage geschickt aus, ehe Russland schließlich grünes Licht für die Ratifizierung gaben.
Russland potentiell größter Nutznießer
„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Umweltschutz und Klima die geringste Rolle bei der Entscheidung gespielt haben“, ist der ehemalige russische Umweltminister Viktor Danilow-Daniljan sich sicher. „Alle haben an Politik und Wirtschaft gedacht.“ Die Ratifizierung sei nicht zuletzt Kompromissen der EU bei den Verhandlungen um den russischen Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO zu verdanken, glaubt er. Moskauer Zeitungen spekulierten, auch das westliche Schweigen zum Tschetschenienkrieg könnte die Ratifizierung letztendlich beschleunigt haben.
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Dabei galt Russland lange Zeit als potentiell größter Nutznießer des Abkommens. Zwar verpflichteten sich alle teilnehmenden Industrieländer, ihre CO2-Emissionen gegenüber 1990 zu drosseln. Wegen der schweren Wirtschaftskrise nach dem Zerfall der Sowjetunion nutzen die GUS-Staaten die ihnen zustehenden Quoten aber bei weitem nicht aus und sollen ihre Überschüsse verkaufen können. Mehrere Milliarden Dollar jährlich könnten durch den Verkauf von Emissionsrechten in Form von Energiesparmaßnahmen und Aufforstungsprogrammen nach Russland fließen. Dass Russland die eigene Emissionsquote vor 2015 ausschöpft, sei nicht zu erwarten, so Danilow-Daniljan.
Genau das bezweifeln die russischen Kyoto-Kritiker mit Blick auf die große Bedeutung der Energiewirtschaft und Schwerindustrie für das Land. Russland gerate in eine „koloniale Abhängigkeit“ vom Westen, warnte der einflussreiche Putin-Berater Andrej Illarionow. Dagegen hoffen die Befürworter des Abkommens, dass der Kyoto-Prozess dabei helfen könnte, die russische Wirtschaft von ihrer Rohstoffabhängigkeit zu befreien. „In Russland wachsen bereits die Branchen, die auf Wissen und High-Tech aufbauen“, sagt Sergej Bobyljow. „Die Triebe einer postindustriellen Gesellschaft gibt es auch in Russland. Jetzt kommt es darauf an, sie zu unterstützen.“
(epd)
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