St. Petersburg. Aslan Maschadows „Außenminister“ Achmed Sakajew macht weiter Schlagzeilen: Nach seiner Freilassung aus Abschiebehaft in Dänemark reiste er gestern nach London, wurde dort zunächst verhaftet, wieder freigelassen und stellte einen Asylantrag. Und in einem Zeitungsinterview warnte er erneut vor Selbstmordattentaten tschetschenischer Terroristen – auch auf atomare Objekte. Und die Unabhängigkeit Tschetscheniens sei nicht unabdingbar; Hauptsache, es gibt Frieden im Lande, so Sakajew.
Da Sakajew weiterhin per Interpol zur Fahndung ausgeschrieben ist, nahmen die britischen Behörden in zumindest an die lange Leine: Sein Pass wurde einbehalten, die Freilassung erfolgte gegen Kaution (erbracht von der Schauspielerin Vanessa Redgrave) und mit einer Verpflichtungserklärung, das Land nicht zu verlassen. Nach Informationen russischer Bürgerrechtler hat Sakajew einen Antrag auf politisches Asyl in Großbrittanien gestellt.
Die dänischen Behörden hatten ihn nach fünf Wochen Auslieferungshaft am Dienstag freigelassen, da die von der russischen Staatsanwaltschaft gelieferten Beweise für eine terroristische Vergangenheit Sakajews nicht überzeugend gewesen seien.
In einem Interview mit der Zeitung The Guardian bezeichnete Sakajew die gegen ihn vorgebrachten Beweise als „nicht ernstzunehmen“. Sie bezogen sich nur auf die Jahre 1996 bis 1999, nicht jedoch auf eine Beteiligung am Moskauer Geiseldrama. „In dieser Zeit hatte ich im Kreml zwei Treffen mit Boris Jelzin sowie einige zusammekünfte mit dem Premierminister“, so Sakajew. Seine Verhaftung sei auf eine Provokation der russischen Behörden zurückzuführen, die nach dem Geiseldrama die tschetschenische Untergrundführung international diskreditieren wollten.
Sakajew erklärte, die Unabhängigkeit Tschetscheniens sei für Maschadow kein Selbstzweck: „Diese Frage kann Gegenstand von Verhandlungen sein.“ Er stimmte einer Äußerung Putins zu, wonach nicht der Status Tschetscheniens entscheidend sei, sondern die Frage, dass von der Republik keine Aggressionen gegen Russland ausgehen sollten. Auch für Maschadow hätte die Sicherheit der Bevölkerung Vorrang vor der politischen Unabhängigkeit. „Ich bin mir absolut sicher, dass wir eine Kompromisslösung finden könnten, die sowohl die strategischen Interessen Russlands als auch die Interessen des tschetschenischen Volkes berücksichtigt“, sagte Sakajew dem Guardian.
Der Separatistensprecher kritisierte die Urheber der Geiselnahme im Musical-Theater Nord-Ost: Obwohl die Geiselnehmer das Gegenteil behaupteten, hätte Maschadow diesen Terrorakt nicht gebilligt oder angeordnet. „Sie spielten nur denjenigen in die Hände, die wollen, dass der Krieg in Tschetschenien weitergeht und verringerten die Chancen auf eine politische Lösung in dem Moment, als Verhandlungen gerade beginnen sollten.“ Diese neue Generation von an den fortgesetzten Gewalttaten des russischen Militärs verzweifelten tschetschenischen Kamikaze-Kämpfern könne auch in Zukunft zivile Objekte angreifen, darunter auch Atomkraftwerke, so Sakajew – was je nach Blickpunkt als Warnung oder Drohung verstanden werden kann.
(ld/rUFO)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)