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Samstag, 24.11.2001

Tschetschenien: Wer spricht mit wem?

Von Jens Siegert (Moskau). Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn vor über zwei Jahren sprachen am vorigen Sonntag ein Vertreter des russischen Präsidenten Wladimir Putin und ein Vertrauter des tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow ganz offiziell miteinander. Ein Hoffnungsschimmer, ein Schritt nach vorn und vielleicht ein Anfang.

Doch welche Perspektiven haben diese Gespräche? Wer spricht mit wem? Wer hat überhaupt die Macht, das eventuell Ausgehandelte dann in Tschetschenien auch durchzusetzen? Schon die Frage, worüber überhaupt verhandelt werden soll, ist zwischen Moskau und den Tschetschenen umstritten. Für den Präsidentenvertreter im Nordkaukasus, den Ex-General Wiktor Kasanzew, darf es nur um eins gehen: die Kapitulationsbedingungen der Rebellen. Der Maschadow-Vertraute Achmed Sakajew möchte über die politische Landschaft nach Kriegsende reden.

Als wäre das nicht schon schwierig genug, gesellen sich noch tiefe Widersprüche auf tschetschenischer Seite hinzu. Denn letztlich lassen sich drei tschetschenische Gruppen unterscheiden, von denen keine stark genug ist, die anderen zu kontrollieren und zur Einhaltung eventueller Friedensvereinbarungen zu zwingen.

Führer der ersten Gruppe ist der im Januar 1997 rechtmäßig gewählte Präsident Aslan Maschadow. Er stellt sich Tschetscheniens zukünftig als unabhängigen Staat vor, eher auf ethnischen Prinzipien basierend denn islamisch-fundamentalistisch. Doch Maschadow ist faktisch gegenwärtig kaum mehr als einer unter mehreren Warlords. Allerdings verleiht er allen anderen wegen seiner Wahl zumindest einen Anschein von Legalität. Ohne sind die tschetschenischen Rebellen juristisch gesehen kaum mehr als ein Terroristenhaufen. Maschadow ist vor allem im Südwesten stark.

Die zweite Gruppe wird von Schamil Bassajew und seinem arabischen Leutnant Chattab angeführt. Sie wollen Tschetschenien zu einem radikal-islamischen Staat machen und am liebsten auch gleich noch die Nachbarrepublik Dagestan dazu. Zwar kontrolliert Bassajew mit der wohl größten Rebellengruppe Gebiete im Süden und Südosten Tschetscheniens, aber seine Unterstützung in der Bevölkerung ist, Umfrageergebnissen zu Folge, gering.

Ruslan Gelajew heißt der Führer der dritten Gruppe, die sich im Frühjahr 2000 nach einem persönlichen Streit Gelajews mit Maschadow abgespalten hat. Gelajews Leute können meist kaum politische Gründe für ihren Kampf artikulieren. Sie haben die Waffen oft schlicht in die Hand genommen, um gegen "auswärtige Eindringlinge" zu kämpfen. Oder aus Rache, weil Angehörige im Krieg getötet wurden. Gelajews soll im Oktober ernsthaft verwundet worden sein, als er sich im benachbarten Georgien Gefechte mit abchasischen Truppen lieferte.

Soweit die Tschetschenen. Und welche Interessen hat der Kreml? Sicher dürfte Putin daran gelegen sein, Kapital aus seinem Beitritt zum "Kampf gegen den Terrorismus" zu schlagen. Formal zeigt er mit den Verhandlungen die Bereitschaft, einen politischen Ausweg aus dem Krieg zu suchen. Gleichzeitig sind die den Tschetschenen gestellten Bedingungen bisher aber für Maschadow unannehmbar.

Die Zustimmung zum Krieg innerhalb der russischen Bevölkerung hat im zurückliegenden Jahr spürbar abgenommen. In gewisser Weise ist Putin ein Gefangener seiner eigenen Strategie geworden. Verhandlungen sind für ihn einerseits unabdingbar, vor allem, weil es, inzwischen für fast alle außer den russischen Militärs offensichtlich, keine militärische Lösung gibt. Und andererseits sind sie unmöglich. Weil es mit Maschadow zwar einen zumindest formal legitimen Verhandlungspartner gibt, der aber aufgrund der vielfältigen Spaltungen der Tschetschenen nicht über genug reale Macht in der Nordkaukasusrepublik verfügt.

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