Von Karsten Packeiser, Moskau. Warum kostet ein 2.-Klasse-Ticket im Schlafwagen von Moskau ins 650 Kilometer entfernte Petersburg 976 Rubel? Und ein Ticket in einem womöglich baugleichen Waggon ins nahezu gleich weit entfernte Nowgorod nur 470 Rubel? Die Antwort weiß nur die russische Eisenbahn. Zwar gibt es in Russland weder Bahncard und noch Gutenabend-Ticket. Aber das russische Tarifsystem ist ein Dschungel, in dem auch Profis den Überblick verlieren können.
Die Eisenbahn ist das Beförderungsmittel innerhalb Russlands schlechthin. Auch für ausländische Reisende ist sie dank erschwinglicher Preise, hoher Zuverlässigkeit und eines weit ausgebauten Schienennetzes oft die beste Wahl. Fast alle Fernzüge sind mit Schlafabteilen ausgestattet, die Fahrpläne sind so gestaltet, dass Entfernungen bis knapp unter 1.000 Kilometer meist bequem in einer Nacht bewältigt werden können.
Komfort-Züge und Großraum-Schlafwagen
Praktisch alle Fernzüge verfügen über 2.- und 3.-Klasse-Schlawagen, Schnellzüge meist auch über eine 1. Klasse. In der 2. Klasse („Kupejnyj“) teilen sich jeweils vier Reisende ein ausreichend großes Abteil mit genügen Stauraum für das Gepäck unter den Liegen und über der Tür. Auf beiden Seiten befinden sich jeweils zwei Liegen übereinander. In der Mitte des Abteils gibt es einen Tisch. 1.-Klasse-Waggons („SW“) sind nahezu baugleich, aber in einem Abteil gibt es nur 2 untere Liegen, die außerdem etwas weicher sind. In der russischen 3.-Klasse („Platzkartnyj“) reisen 50 Passagiere in einem Großraumschlafwagen mit Liegen, aber ohne abschließbare Abteile. Das Geschnarche in diesen Waggons kann unerträgliche Ausmaße annehmen. Viele Reisende weigern sich aus Erfahrung auch, in den Patzkartnyj-Waggons Plätze in Toiletten-Nähe zu buchen.
(Foto: www.vesti.ru)
Russische Fernzüge können grob in drei Gruppen eingeteilt werden: Die „Komfort-Züge“ (Das russische Wort „firmennyj pojesd“ ist leider wörtlich wohl unübersetzbar) sind der Stolz der Eisenbahn. Die Gänge werden regelmäßig gefegt, in den Abteilen stehen meist Vasen mit Plastikblümchen, mit etwas Glück funktioniert die Klima-Anlage. Sogar Klopapier darf man in einem „Komfort-Zug“ erwarten. Viele Züge zwischen Moskau und den Hauptstädten der russischen Verwaltungsgebiete sind „Komfort-Züge“ Die Züge haben alle nicht nur eine Nummer, sondern auch einen Namen. Der „Baikal“ fährt nach Irkutsk, der „Bernstein“-Express nach Kaliningrad, der „Stille Don“ nach Rostow.
Weniger komfortabel und langsamer reist man in einem gewöhnlichen Schnellzug. In diesen Zügen gibt es nicht immer einen Speisewagen und oft starten sie ihre Reise zu ungünstigen Zeiten.
Die ältesten Waggons gibt es in den langsamen „Passagierzügen“ („passaschirskij pojesd“), die zuweilen sogar an Orten stoppen, an denen weit und breit keine menschliche Behausung zu sehen ist. In den in die Jahre gekommenen Schlafwagen kullert schon manchmal eine Kakerlake aus dem Bettzeug und nicht alle Schlafwagenschaffner sind unbedingt immer nüchtern. Der Zuschlag für einen „Komfort-Zug“ (bis zu 100 Prozent) ist also in der Regel das Geld wert.
Russisches Bahnticket: Der angegebene Name und die Passnummer müssen mit den Daten des Reisenden übereinstimmen
Als Pfaustregel gilt: Je niedriger die Zugnummer, desto besser der Service.
An allen größeren Bahnhöfen in Russland können Fahrkarten von jeder beliebigen Stadt in jede andere beliebige Stadt gelöst werden. Vor allem während der Ferienzeit kann der Fahrkartenkauf auf einem russischen Bahnhof zur Geduldsprobe werden. Vor allem Züge Richtung Schwarzes Meer sind dann oft Wochen im Voraus weitgehend ausgebucht. Ähnliche Probleme gibt es zum Beispiel während der Weißen Nächte auf der Strecke Moskau – Petersburg.
Außer den gewöhnlichen Schaltern gibt es oft ein so genanntes Service-Center, wo ein Aufschlag von bis zu 100 Rubeln (knapp 3 €) bezahlt werden muss, dafür aber die Schlangen erheblich kürzer sind. Ein Ticket muss stets für einen konkreten Zug gekauft werden und ist nicht übertragbar. Beim Fahrkartenkauf wird der Nachname und eine Ausweisnummer des Reisenden auf dem Ticket eingetragen. Gelegentlich werden die Ausweise bei Einsteigen kontrolliert.
Egal, für welchen Zug man sich entscheidet, sind die Preise in jedem Fall deutlich niedriger als in Westeuropa. Fahrkarten in der 2. Klasse kosten etwa die Hälfte von 1.-Klasse-Tickets und teils doppelt so viel wie eine Karte für den Platzkartny-Waggon. Die russische Eisenbahn ist 2003 zu einem komplizierten Tarifsystem übergegangen. Während der Ferienmonate und vor dem Jahresende sind Tickets deutlich teurer, als zu anderen Jahreszeiten.
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Einige Preisbeispiele (Oktober 2003):
Von Moskau aus gelangen Sie im 2.-Klasse-Abteil für
weniger als 500 Rubel (15 €) nach:
Kostroma (376 Kilometer, Komfort-Zug)
Smolensk (419 Kilometer)
Wologda (496 Kilometer)
weniger als 1.000 Rubel (30 €) nach:
Nischnij Nowgorod (442 Kilometer, Komfort-Zug)
St. Petersburg (650 Kilometer, Komfort-Zug)
Kasan (793 Kilometer, Komfort-Zug)
Saratow (856 Kilometer, Komfort-Zug)
Astrachan (1532 Kilometer)
weniger als 1.500 Rubel (45 €) nach:
Wolgograd (1068 Kilometer, Komfort-Zug)
Sotschi (1752 Kilometer)
Omsk (2717 Kilometer)
weniger als 2.000 Rubel (60 €) nach:
Jekaterinburg (1668 Kilometer, Komfort-Zug)
Nowosibirsk (3303 Kilometer)
weniger als 3.000 Rubel (90 €) nach:
Irkutsk (5193 Kilometer)
Ein Ticket von Moskau in die Fernostmetropolen Chabarowsk und Wladiwostok ist ab ca. 3500 Rubel (100 €) zu haben.
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