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Getränkeladen in Polen 1989: Alles garantiert lauwarm! (Foto: Deeg)
Getränkeladen in Polen 1989: Alles garantiert lauwarm! (Foto: Deeg)
Donnerstag, 08.10.2009

1989: Ein letzter Blick hinter den Eisernen Vorhang

Prag-Krakau-Warschau-Danzig-Leipzig: Was heute nach einer netten Städtereise durch Mitteleuropa klingt, war 1989 noch ein kleines Abenteuer. Zumindest, wenn man auf eigene Faust das erste Mal den „Ostblock“ bereiste.

Es sollte auch das letzte Mal sein, denn nur wenige Wochen später bekam der Eiserne Vorhang große Löcher – und fiel schließlich in sich zusammen. Vieles wurde schnell ganz anders.

Genau 20 Jahre ist es nun her, dass sich der sowjetische Machtbereich in Europa innerhalb eines Sommer und Herbstes auflöste - und dies von Moskau toleriert wurde. Das war für mich Anlass, mich daran zu erinnern, wie es vorher dort war - völlig subjektiv und durch den bedauerlichen Filter des langsamen Vergessens von Details, Informationen und Eindrücken betrachtet.

Europäischer Frühling 1989: Die Kontakte werden einfacher


Durch Europa wehte damals ein frischer Wind. Der war schon im April auf einem europaweiten Treffen von Journalistikstudenten in Finnland zu spüren. Erstmals waren zu dieser jährlichen Veranstaltung namens FEJS (Forum for European Journalism Students) auch Delegierte aus fast allen Ostblock-Staaten angereist.

Mit einigen ergaben sich freundschaftliche Kontakte – und bei mir die Idee, die Kommilitonen aus Prag, Warschau und Leipzig im Sommer zu besuchen. Ein Schulfreund, ebenfalls angehender Journalist, schloss sich mir an. Er wollte in Schlesien vor allem Gleiwitz (Gliwice) besuchen, jene Stadt, in der seine Mutter bis zur Vertreibung aufgewachsen war.

Viel Briefverkehr vor der Reise


Die Reise zu organisieren, war nicht einfach: Zahlreiche Briefe gingen (nicht gerade schnell) hin und her, denn e-mail gab es noch nicht – und wir brauchten, zumindest für die CSSR und die DDR, Privateinladungen für die Visaerteilung. Thomas, der Kollege in Leipzig, hatte noch nicht einmal Telefon.

Ein elementarer Posten in der studentischen Kostenkalkulation des auf einen Monat angelegten Trips war der Zwangsumtausch: 20 bis 25 DM pro Tag mussten zum offiziellen Kurs in die Landeswährungen getauscht werden. Noch wussten wir nicht, wie fürstlich wir davon leben werden.

Prag: Schon damals eine Bier-Metropole - aber nicht überall


Die sechs August-Tage in Prag waren lebenslustig, aber leberschädigend. Mein leider nur stichwortartig geführtes Reisetagebuch erzählt am ersten Tag von einem „Fest bei Dan mit Finnen, Tschechen und DDR-Mädels“. Anschließend seien wir „mit 10 besoffenen Czecks trompeteblasend zur Karlsbrücke“ gezogen und „gut zu“ gewesen.

Bei Russland-Aktuell
• Wende zum Ende: Der Zerfall des Sowjet-Imperiums (05.10.2009)
• Russland morgen: 20 Jahre Rückzug aus Afghanistan (11.02.2009)
Nach diesem angesichts der erwarteten Ostblock-Strenge unerwarteten Bacchanal verlief der nächste Tag bedeutend nüchterner: Gemeinsam mit unserem Gastgeber Michal mussten wir einmal quer durch Prag fahren, um die Ausländerbehörde zu finden. Dort knallte man gleich drei Stempel auf das Visum im Pass – womit wir unsere Registrierungspflicht erfüllt hatten.

Nach dem Abendessen „in gutem Restaurant gegenüber der Wenzel-Statue“ vermerkt das Tagebuch einen gescheiterten Versuch, im Wohnviertel unseres Gastgebers noch ein Bier zu trinken oder auch nur zu kaufen. Obwohl es in der Prager Innenstadt auch damals schon reichlich Bierhallen und Biergärten gab, konnten etwas weiter draußen offenbar noch ganze Quartale ohne Kneipe existieren.

Hartwurst als Notvorrat für Polen


Bevor wir in den Nachtzug stiegen, der uns nach Kattowitz in Polen bringen sollte, kauften wir uns auf den Rat unserer zahlreichen neuen Prager Bekannten hin noch eine große Salami. Denn in Polen, so wussten sie zu berichten, herrsche zwar jetzt ein beneidenswerter politischer Frühling mit ersten freien Wahlen, aber deshalb sei auch Wirtschafts-Chaos ausgebrochen – und es könne durchaus sein, dass wir nichts Vernünftiges zu essen bekämen.

Es sei vorausgeschickt, dass wir die Salami sehr schnell verzehrten – nicht wegen etwaigen bitteren Mangels in Polen, sondern im Rahmen einer Notschlachtung: Das Thermometer kletterte jeden Tag auf Werte um die 35 Grad – und im Dreisterne-Hotelzimmer in Gleiwitz gab es keinen Kühlschrank.

Das war damals offenbar landestypisch, denn überall in Polen sollten wir in den nächsten zwei Wochen immer wieder lauwarmes Bier und andere „Erfrischungsgetränke“ genießen dürfen. Die „warme Cola“, so sagte uns in einem Kattowitzer Restaurant ein Einheimischer, sei eine „der wenigen polnischen Erfindungen“.

Der Grenzer interessiert sich für Adressen


Nachts um ein Uhr, bei der Grenzkontrolle zwischen CSSR und VR Polen (so hießen die Staaten damals ja offiziell), wehte trotz der Hitze ein Hauch von Sibirien durchs Abteil: Der tschechoslowakische Grenzer interessierte sich mehr für mein Notizbuch als für meinen Reisepass – und schrieb die darin notierten Adressen meiner tschechischen Freunde ab. Es dürfte Ihnen nicht mehr geschadet haben – weil dieses Regime nur noch vier Monate zu leben hatte.

Unser Gastgeber Michal machte jedenfalls bald darauf eine Blitzkarriere vom Journalistik-Studenten mit dem bewusst unpolitischen Berufsziel Sportreporter zum Parlamentsabgeordneten und ist inzwischen Vizeminister.

Zur Fortsetzung des Reiseberichts (Teil II - Polen)

Zur Fortsetzung des Reiseberichts (Teil III - DDR)

(Lothar Deeg/.rufo/St. Petersburg)


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