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Wassili wohnt hinter einem Müllcontainer - auf Sperrmüllmöbeln und einer Matraze (Foto: Ivanov/SPZ)
Wassili wohnt hinter einem Müllcontainer - auf Sperrmüllmöbeln und einer Matraze (Foto: Ivanov/SPZ)
Donnerstag, 23.11.2006

Wenn leere Bierflaschen das Überleben bedeuten

St. Petersburg. Am meisten fürchtet „Bomsh“ Wassili aus Weißrussland den Winter. Ansonsten hat er sich in seinem Obdachlosen-Schicksal einigermaßen eingerichtet – in seinem „Haus“ gleich hinter dem Müllcontainer.

Er schließt die Augen, senkt beide Hände in den Müllkübel und zieht eine grüne Bierflasche heraus. „Klasse! Das ist ein Rubel!“ Er greift noch einmal hinein, verzieht das Gesicht, und eine Getränkedose plumpst auf den Asphalt. Er tritt die Büchse platt: „So, noch 30 Kopeken für mich.“ Wassili, der seinen Nachnamen nicht nennen will, kennt sich mit Leergut aus, denn es ist sein Brot. Er ist 40 und „wohnt“ seit 15 Jahren auf Petersburgs Straßen.

In seinem früheren Leben hatte er eine Familie und lebte in einem weißrussischen Dorf. Dann fuhr er nach Petersburg, um Arbeit zu suchen. Seine Frau, die damals hochschwanger war, und die Verwandten haben ihm davon abgeraten, erzählt Wassili. Er versprachen ihnen, nur ein bisschen Geld zu verdienen und dann zurückzukehren.

Heimkehr aus der Großstadt ohne Geld? Welche Schande ...


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Doch daraus wurde nichts. Für seine Arbeit wurde er nicht bezahlt. „Doch ohne einen Groschen in der Tasche nach Hause zu kommen, wäre eine Schande gewesen“, seufzt der Obdachlose. Also blieb er in der Stadt und begann, sich mit Müh und Not durchs Leben zu schlagen. Ab und zu konnte er kurz irgendwo jobben. Solange es warm war, schlief er unter freiem Himmel, als es kalt wurde, zog er in irgendeinen Keller.

„Anfangs habe ich noch meine Frau und mein Söhnchen angerufen. Dann habe ich es gelassen. Was kann ich denn meinem Sohn sagen? Dass seinen Vater obdachlos ist?“, erzählt Wassili nachdenklich.

So wurde er zu einem der über 50.000 „Bomshy“ von Petersburg. Nach offiziellen Statistiken stammt nur jeder fünfte von ihnen aus der Stadt, die anderen hat es wie Wassili aus allen Ecken der GUS-Staaten hierher verschlagen.

Wassili führt mich zu einem Müllcontainer nicht weit von der Metrostation Lesnaja. „Das hier ist mein Haus!“, sagt er und zeigt auf eine Matraze, die neben dem Behälter liegt. Stolz präsentiert er eine Flasche mit Wasser und ein Handtuch: „Ich wasche mir jeden Morgen und jeden Abend die Hände. Und mittwochs und donnerstags gehe ich in die Banja – an diesen Tagen kostet sie nur zehn Rubel, ich liebe das wahnsinnig!“

Dann verrät er mir seine Berufsgeheimnisse: wie und wo man am besten Flaschen sammelt. Und dass man dafür um 3 Uhr morgens aufstehen muss – sonst haben Konkurrenten schon alles abgegrast.

Mord und Totschlag um den Müll


Wassili gibt mir eine Führung durch „seine Orte“: Höfe und Müllhaufen, die ihm als „Arbeitsplatz“ dienen. „Manchmal gibt es sogar Schlägereien um Müllcontainer. Fremden wird nicht erlaubt, in Behältern, die schon jemanden gehören, herumzuwühlen“, erzählt Wassili. „Es kommt da sogar zu Morden. Ich selbst habe aber keine Angst“ – und diesem Zwei-Meter-Mann mag man es sogar glauben.

In einem Hof begegnen wir einem Freund von Wassili. Auch er ist obdachlos, doch er sieht ziemlich gepflegt aus: Zur modischen Jacke und sauberen Jeans hat er einen mp-3-Player um dem Hals hängen. „Nein, ich habe niemanden beraubt“, beantwortet er meinen erstaunten Blick. „Das habe ich alles im Müll gefunden. Manchmal werfen die Leute sogar Handys weg“.

„Ich sehne mich nach Arbeit, ich bin doch stark ...“


Wassili glaubt, dass Engel und wohlmeinende Hausmeister ihn nicht vergessen (Foto: Ivanov/SPZ)
Wassili glaubt, dass Engel und wohlmeinende Hausmeister ihn nicht vergessen (Foto: Ivanov/SPZ)
Schwieriger ist es für Obdachlose, an akzeptable Nahrung zu kommen. Manchmal liegt zwar auch Brot im Müll. Grundlage für Wassilis Überleben ist jedoch das Flaschensammeln. Wenn man tüchtig ist, kann man 1500 Rubel (ca. 45 Euro) pro Monat verdienen. Für Wodka und das nötigste Essen reiche das. Wassili: „Früher hatte ich einen großen Haushalt, eine Kuh und Schafe. Ich sehne mich nach Arbeit. Ich bin doch ein starker Mann...“

Es ist 19 Uhr 30. Wassili muss nun schnell zur Metrostation „Lesnaja“. Dort kommt jeden Abend der sogenannte „Nachtbus“ mit Essen vorbei. Schon lange vorher bildet sich an dem Ort eine Schlange aus 30 bis 40 Obdachlosen, die geduldig warten. Wassili nimmt die heiße Suppe und den Tee. Einige warten auf den Arzt, der neben dem Essen auch zum Nachtbus-Programm gehört. Seine Mitarbeiter kennen fast alle Obdachlose namentlich. Nach einer halben Stunde schließen sie die „Küche“ und fahren zur nächsten Station weiter.

Engel, Tauben und eine Frau leisten ihm Gesellschaft



Wir kehren zu Wassilis „Haus“ zurück und werden von einer lächelnden Frau in schmutzigen Klamotten empfangen. Die beiden umarmen sich. Wassili nennt sie „meine Frau“. Sie ist wie er obdachlos, seit fast vier Monaten leben sie zusammen. Die Frau brüstet sich mit ihrer heutige Beute: eine ganze Tasche voller Bierflaschen. Als sie zur Seite geht, sagt Wassili mit Feuer in Augen und nicht ohne Stolz: „Die Frauen lieben mich“. Auch auf einem Müllhaufen gedeihen noch Familienbeziehungen.

Wassili setzt sich auf die Matraze, nimmt ein Stück Brot aus der Tasche und wirft es den Tauben hin. „Sie sind ja auch lebendige Geschöpfe. Wer weiß, vielleicht sind sie die Boten Gottes?“ Wassili ist sich sicher, dass Gott ihn nicht verlassen hat. „Es kommt vor, dass ich morgens früh aufstehe und sehe neben mir 500 Rubel liegen. Ich weiß: da ist ein Engel in der Nacht zu mir herabgestiegen.“ Manchmal erbarmt sich aber auch ein Hausmeister, bittet ihn den Hof zu kehren und zahlt ihm dann einen kleinen Lohn oder gibt ihm etwas zu essen. „Trotz allem leben wir!“

Wassili lässt den Kopf nicht hängen, nur der nahe Winter macht ihm echte Sorgen. „Dann müssen wir einen trockenen und geräumigen Keller finden, wohin ich und meine Kumpel umziehen können“, erzählt er. Maximal fünf Leute darf so eine WG zählen – sonst wird es unbequem. „Manche Keller sind wie echte Wohnungen – sogar mit Fernseher!“, versichert Wassili. Doch wo er diesmal überwintern wird, davon hat Wassili noch keine Ahnung. „Ich komme schon irgendwie klar, da ich ja immer noch etwas verdienen kann. Ich bin ja erst 40!“, sagt er zum Abschied und fügt bitter hinzu: „Wenn nur die weißen Fliegen später kämen...“ „Weiße Fliegen“ – so nennt Wassili den Schnee.

(Nikolaj Ivanov/SPZ)


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